Einleitung

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Fremdsein – fast jede*r von uns hat dieses Gefühl der Fremdheit schon einmal erlebt. Ob an der neuen Schule, am neuen Arbeitsplatz, in einer neuen Stadt oder in einer anderen Kultur. Das Gefühl der Fremdheit kann durch die unterschiedlichsten Situationen entstehen. Doch meist ist dieses Gefühl nur temporär und löst sich auf wenn man Orte und Menschen, die einem fremd sind, näher kennenlernt. Doch es gibt auch Situationen und Menschen, bei denen aufgrund von heteronormativen Selbstverständlichkeiten das Gefühl der Fremdheit ein täglicher Begleiter ist. Nicht „sie“ sind fremd, sondern sie werden in dieser heteronormativ durchtränkten Kultur kontext-, personen- und situationsabhängig – selbstredend nicht nur, aber auch – zu Fremden gemacht. 

Diese Fremdheits-Erfahrung müssen in „Sichtbarkeitsordnungen“ (Saalfeld 2020) der Zwei-Geschlechterordnung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern Trans*Personen immer wieder machen (u. a. Franzen/Sauer 2010). Vor diesem Hintergrund widmet sich unsere Forschung der Frage, welche Bedeutung Fremdheit im Alltag von Trans*Personen hat.

Angelegt als qualitative Forschung und basierend auf ethnografischen Interviews mit transsexuellen Menschen, beschäftigten wir uns mit Erfahrungen zum Thema Fremdheit in einer größeren Stadt in Thüringen. Zusammen mit den „Informanden“ – wie Spradley (2016) die im Alltag begleiteten und interviewten (Trans*)Personen nennt – haben wir versucht zu erkunden, an welchen Orten und in welchen Situationen Fremdheit in ihrem Leben auftritt und wie sich diese äußert. Wir möchten Ihnen hier unsere Forschung näherbringen und zeigen, was es bedeutet in einer Gesellschaft zu leben, die – gleichwohl es die AneFahne BraunHenningrkennung des dritten Geschlechts gibt – stark in Zwei-Geschlechter-Ordnung (biologische Parallelisierung von Mann-Männlichkeit/Frau-Weiblichkeit) strukturiert ist und damit die „heterosexuelle Matrix“ den Stoff der (Geschlechter-, Sexualitäts- und Begehrens-)Intelligibilität webt (Butler 1991). Was bedeutet Fremdwerden und Fremdsein vor diesem Hintergrund, in der sich sexuelle Freiheit angeblich demokratisiert hat (Lewandowski/Koppetsch 2015: 7), aber dennoch die Zweigeschlechter-Ordnung zentral ist? Wir haben Menschen, die sich selbst als transsexuell bezeichnen, im Alltag begleitet, um das was Fremdheit für sie konkret bedeutet, sichtbar zu machen. 

Es gibt kaum qualitative Studien, die direkt zum Thema Fremdheitskonstruktionen und Transsexualität informieren. Im Rahmen der Geschlechtersoziologie ist das Thema Transsexualität zwar kein neues Forschungsfeld (Hirschauer 1992, Lindemann 2011), aber dennoch, wie an aktuellen Debatten zur sexuellen Vielfalt im Zuge von Diversity-Maßnahmen und Antidiskriminierungsstrategien zu sehen ist, ein hochaktuelles Feld. Da die bisherige Forschung sich stark auf die Sicht von außenstehenden, nicht-transsexuellen Menschen konzentriert, kann unsere Forschung dazu beitragen einen Perspektivwechsel zu ermöglichen. Durch die ethnografischen Interviews mit Trans*Personen wird direkt im Feld geforscht, wodurch vor allem auf Bedürfnisse und individuelle als auch strukturelle Problemlagen aufmerksam gemacht werden kann. Das Gefühl in einer Gesellschaft fremd zu sein und sich auch im eigenen Körper fremd zu fühlen hat erhebliche Auswirkungen auf das allgemeine Wohlbefinden von Trans*Personen (siehe Studien zur Selbstverletzung wie Fuchs et al. 2012: 13ff, aber auch zur Fremdverletzung siehe Franzen/Sauer 2010), was auf den hegemonialen Ordnungen von Geschlecht, Sexualität und Begehren beruht. Unter dem Abschnitt „Perspektive“ zeigen wir auf mit welcher „Forschungsbrille“ wir uns dem Alltag zugewendet haben. Unter Methode beschreiben wir, die ethnografische Vorgehensweise, auf der unsere Forschung basiert. Dort finden Sie nähere Informationen, wie wir unsere Daten gesammelt, analysiert und ausgewertet haben. Die Ergebnisse unserer Untersuchung finden Sie unter „Ergebnisse“. 

 

Bildquelle: Fransziska J. Braun