Ergebnisse

Drucken

Unsere ethnografische Forschung konnte ausgehend von der Annahme des „doing strangeness“ im Feld der sexuellen Vielfalt zeigen, inwiefern Fremdheit für Trans*Personen im Alltagshandeln im Kontext heteronormativer Selbstverständlichkeiten von Bedeutung ist:  

Das heteronormative Raster: Auffallen und Identität 

 „Es ist besser, wenn man nicht gleich mit Strumpfhose und High Heels durch die Gegend rennt.“ (Protokoll 1, Z. 91)

„Teilweise wurde ich als weltfremd und außerirdisch bezeichnet.“ (Protokoll 1, Z. 106)

Das Eintauchen in die Lebenswelt zeigt, dass Personen, die von der heterosexuellen Geschlechter- und Sexualitätsnorm abweichen zu Fremden gemacht werden. Es gibt Geschlechter- und Sexualitätsordnungen des Visuellen (Saalfeld 2020) entlang derer sich Menschen qualifizieren müssen/sollen, um anerkannt zu werden und nicht als anders gesehen zu werden. Wobei dies stark raum- und ortsabhängig ist und variiert (siehe Punkt zu Raum). Sichtbar werden in den Beobachtungsprotokollen in diesem Zusammenhang, die erheblichen Belastungen für Trans*Personen aufgrund dieser Eingebundenheiten in gesellschaftlich-visuelle Verhältnisse.

Aus den Erzählungen der Informanden wird herauslesbar, dass ihnen ihre gefühlte Identität abgesprochen wird, weil sie der heterosexuellen Matrix von Sexualität, Geschlecht und Begehren nicht entsprechen. Häufig wird in diesem Zusammenhang von Stigmatisierungen gesprochen (vgl. Butler 1991, Simmel 2002). Sehr deutlich wurde es besonders bei gesellschaftlichen Räumen, in denen eine Trennung der Geschlechter vorgenommen wird, wie beispielsweise bei Umkleidekabinen oder Toiletten wie in diesem Auszug sichtbar wird:

Als Frau B. einmal von der Damentoilette kam wies sie eine ältere Dame darauf hin, dass sie gerade von der Damentoilette kommt und ob ihr das aufgefallen sei. (Protokoll 2, Z. 61-63)

In solchen Situationen wird deutlich, dass Geschlecht und Identität in einem gesellschaftlichen Kontext entstehen (Wendel 1999). Es zeigt sich, dass Trans*Personen durch das Raster der Geschlechtsordnung fallen und dabei zu Fremden gemacht werden. Das Fremdmachen erfolgt durch Mimik, Gestik und vor allem abwertende Blicke oder negative Kommentare in solchen Situationen. Die Erzählungen der Informanden verweisen auf das belastende Gefühl, was für sie damit einhergeht.  

Fremdheit schwindet, wenn der Raum größer wird 

„Da wo viele sind, sind auch alle unterschiedlich. Da ist man nicht der Exot, das sind alle Exoten.“ (Protokoll 1, Z. 164-165)

„Zuvor hatte Person A in einem Büro, mit weniger Personen gearbeitet und da gab es immer mal wieder Probleme wegen ihrer Transsexualität. Da wurde sie von den Männern öfter als ‚Tunte‘ bezeichnet und die Frauen konnten sich nicht ganz mit ihrer Art von Weiblichkeit anfreunden. ‚In dem Großraumbüro ist das jetzt ganz anders. Da werde ich so akzeptiert wie ich bin. Es ist aber auch alles anonymer.‘“ (Protokoll 1, Z. 11-14)

Dieses Gefühl zeigt sich aber besonders immer dann, wenn die Räume, in denen sich Trans*Personen bewegen recht klein sind. Wir konnten in unserer Forschung herausfinden, dass Räume die größer sind, wie Großraumbüros oder Großstädte, Räume der Heterogenität und Anonymität sind (vgl. Wehrheim 2009). Das heißt in solchen Räumen treffQueer BraunHenningen viele unterschiedliche Personen aufeinander und nehmen sich dadurch aber nicht immer explizit wahr bzw. wird die Sexualitäts-, Geschlechter- und Begehrensnorm pluralisiert. Dadurch wird keine Fremdheit erzeugt, weil dies Orte des Fremden sind (vgl. Wehrhe
im 2009). An diesem Punkt zeigt sich aber auch, dass es spezielle gesellschaftliche Räume gibt, in denen sexuelle Vielfalt offen gelebt werden kann. Zu diesen zählen Selbsthilfegruppen, Queere Cafés und Bars, aber auch der Christopher Street Day beispielsweise. In solchen Räumen werden bestimmte gesellschaftliche Normen außer Kraft gesetzt (was nicht heißt, dass nicht andere Normen gewichtig werden!), weil sich hier kaum jemand einem gesellschaftlichen hegemonialen Geschlechter-, Begehrens- und Sexualitätsstereotyp zuordnen kann und will. In diesem Fall wird das Fremde recodiert bzw. löst sich auf, da der gesellschaftliche Kontext ein anderer ist (Geiger 2003). 

Schlussendlich: Keine Frage der Toleranz, sondern eine Frage der Anerkennung und auch Umverteilung 


Durch dieses Projekt konnten wir einen Beitrag zur Erforschung der Fremdheitsthematik in Bezug auf Trans*Personen leisten. Dabei sind wir von der Annahme der sexuellen Vielfalt ausgegangen und haben nach Praktiken der Schließung und Öffnung gefragt. Es zeigt sich, dass eine Individualisierung der Problemlagen zu kurz greift und die Fremdheitserfahrungen von Trans*Personen zutiefst strukturell mit Sexualitäts-, Geschlechter- und Begehrensordnungen verankert sind.

Außerdem konnten wir zeigen, dass Fremdsein und Fremdwerden häufig entlang von Stigmatisierungen entsteht. Um diesen entgegenzuwirken, müssen in der Gesellschaft neue Bilder, Repräsentationen und Räume erzeugt werden, die keine klaren Grenzen in Männlichkeit und Weiblichkeit ziehen, sondern flüssige Übergänge ermöglichen. Hierbei sollte nicht die Toleranz, sondern viel mehr die Akzeptanz im Sinne von Anerkennung sexueller Vielfalt im Vordergrund stehen. Denn bereits Goethe erkannte „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zu Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ (Goethe 2012: 151)

 

Bildquelle: Franziska J. Braun