Einleitung

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Gerichte sind im Alltagsverständnis häufig ganz besondere Orte. Orte an denen nach dem Gesetz objektiv und neutral geurteilt wird. Richter*innen sind Akteur*innen, die über Recht und Unrecht entscheiden. Diese Urteile sind folgenreich für diejenigen, deren Taten vor Gericht verhandelt werden. 

Ein Blick auf den Alltag in Deutschland zeigt allerdings, dass Institutionen wie das Gericht so neutral und objektiv nicht immer sind (etwa bezogen auf Rassismus vor Gericht siehe Bartel/Liebscher/Remus 2017). Es sind machtdurchdrungende Orte des Kulturellen. Sie sind nicht frei von stereotypischen Zuschreibungen bis hin zu Diskriminierungen, darauf haben zahlreiche Studien der Geschichtswissenschaft, aber auch der sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung hingewiesen. Entlang von unterschiedlichen Dimensionen sozialer Differenzierung wie Alter, Religion, Milieu, Race und Geschlecht strukturieren sich Bewertungen, die Menschen bei juristischen Verhandlungen privilegieren oder gar abwerten. Damit sind Institutionen durchaus Gegenstand auch (fremdheits-)soziologischer Untersuchungen (z.B. Schütze 1978).  

Hier reiht sich unsere soziologische Forschung ein. Wobei der Fokus etwas anders gesetzt ist. Wir fokussieren Fremdheit im Gericht und gehen von der Annahme aus, dass entlang von Fremdheit soziale Unterschiede, die zu sozialer Ungleichheit führen können, gemacht werden. Dabei geht es in unserer Forschung deutungsoffen um die Frage, wie Fremdheit hergestellt wird im Gerichtssaal.[1] Wann werden Personen zu Fremden gemacht und inwiefern erleben sie – z. B. Richter*innen und Beschuldigten/Angeklagten – sich als fremd. Ausgehend von einem ethnografischen Zugang möchten wir Deutungs- und Handlungsmuster der Akteur*innen entlang von Fremdsein und Fremdwerden im Feld des Gerichts rekonsturieren. Durch einen ethnografischen Zugang – Beobachtungen und Gespräche im Gerichtssaal – werden wir diesen Fragen auf die Spur kommen. 

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[1] Für diese Fokuserweiterung haben wir uns aus forschungspraktischen Erwägungen entschieden, obwohl das Thema der Studie eigentlich Race im Gerichtssaal fokussieren sollte. Der Blick auf Fremdheit im Allgemeinen lag an den Bedingungen des Feldzugangs: Aufgrund der zeitlichen Rahmenbedingungen und der eingeschränkten Möglichkeiten selbst Fälle, die verhandelt wurden, im Gerichtssaal auszuwählen, wurde die Fragestellung an den Untersuchungsgegenstand angepasst.

 

Bildquelle: Bild von Mikhail Pavstyuk auf Unsplash