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Zu einem Ergebnis kamen wir, in dem wir aus unseren teilnehmenden Beobachtungen fünf Dimensionen ausgehend vom empirischen Material erstellten: 1. Einlasskontrolle, 2. (Macht)Beziehung, 3. Stadt, 4. Erfahrungswissen und 5. Architektur des Gerichtssaals. Anhand dieser Dimensionen verdeutlichte sich, dass Fremdheit im Gericht auf sehr unterschiedliche Weise konstruiert und erfahren wird.  

Die erste Dimension – Einlasskontrolle: Fremd sind die, die potentiell gefährlich sind  

„Bereits am Eingang des Amtsgerichts fand das erste interessante Ereignis statt. Grundsätzlich findet am Einlass eine reguläre Kontrolle statt, bei der ein Ausweis vorgezeigt werden muss, als auch eine Körperkontrolle. Da ich bereits zahlreiche Male im Gericht gewesen bin, war ich den Justizbeamten nicht mehr fremd. Der Justizbeamte, verdeutlichte, dass er meinen Ausweis nicht sehen müsse, da er mich bereits kennt“ (4. Protokoll, S. 1, Z. 1-5)

Bei der Einlasskontrolle konnte festgestellt werden, dass schon bei der ersten Begegnung im Gerichtsgebäude eine gewisse Fremdheit konstruiert wird. Zum einen wird mit einem Dateidokument auf der Website darauf hingewiesen, dass es um die Sicherheit aller Menschen geht, dennoch werden nur Besucher*innen des Gerichts kontrolliert und Mitarbeiter*innen, die einen Mitarbeiter*innenausweis vorweisen können, nicht. Menschen, die dem Gericht nicht alltäglich begegnen, werden mit strengeren Kontrollen zu einer Gefahr für alle gemacht und als bedrohlich fremd hergestellt.

Die zweite Dimension – (Macht)Beziehung: Fremd sind die, die aus der Rolle fallen (können)

„Bei Fragen des Richters reagiert der Angeklagte mit Aussagen wie  „Ihr Ernst“ und „Chill“, welches den Richter sehr wütend macht. Der Richter daraufhin. „Jetzt bleiben sie ruhig, ich kann auch anders“.“ (2. Protokoll, S. 2, Z. 58-60)

In dieser Szene fällt der Angeklagte offenbar aus der ihm zugeschriebenen angemessenen Rolle des Angeklagten. Um auf Milde bei der Beurteilung durch den Richter, der durchaus Ermessensspielraum bei der Beurteilung der Tat hat, zu hoffen, wäre vermutlich Freundlichkeit und Einsichtsfähigkeit strategisch gewinnbringend in der Interaktion. Das tut der Angeklagte hier nicht, sondern begegnet dem Richter eher „patzig“,  was an den sprachlichen Äußerungen des Angeklagten deutlich wird. Der Richter fühlt sich veranlasst die hierarchische Ordnung der Rollen wieder einzuführen, indem er dem Angeklagten droht. Zu diskutieren ist, inwiefern der Richter hier selbst aus der Rolle fällt und seine Macht missbraucht. Ein solches aggressives Auftreten konnte bei den Richterinnen und Angeklagtinnen nicht beobachtet werden. 

Die dritte Dimension - Stadt: Fremd sind die, die aus der anderen Stadt kommen

„In der Pause haben sich die Anwälte und die Richterin zusammen unterhalten. Es schien so als würden sie sich wie Freunde unterhalten. Der Verteidiger legte auch seine Robe ab und ging in die Richtung vom Staatsanwalt und hat sich vor seinem Tisch gestellt. Sie sprachen über das Thema Chemie oder auch über die Vergesslichkeit. Die Richterin hatte währenddessen immer in unsere Richtung geschaut. Sie lachten gemeinsam.“ (1. Protokoll, S.2, Z. 46-51)

„Sie sprachen auch darüber, wie das Verhältnis zwischen Richtern und Anwälten in der Stadt ist. Die Richterin meint, dass man sich hier in der Stadt unter den Anwälten und den Richtern kennt und sich eigentlich gut versteht. Sie merkt an, dass das bei einigen Anwälten, die aus anderen Regionen kommen nicht immer so ist. Die beiden Anwälte stimmen der Richterin zu und nicken dabei“ (1.Protokoll, S.2, Z. 51-54)

In den Auszügen wird im untersuchten Gericht deutlich, das zwischen den Richter*innen und Anwält*innen oft ein gutes Verhältnis herrscht, vor allem wenn sie aus einer Stadt stammen und sich öfter im Sitzungssaal sehen. In einem ersten Protokoll wurde aufgezeigt, das eine Abgrenzung zu den Anwält*innen aus anderen Regionen stattfindet. Durch die Abgrenzung wird Fremdheit konstruiert. Hiermit könnte eine Andersbehandlung hervorgehen, die mit einer gewissen Voreinstellung verknüpft ist, was dieser Auszug zur Interaktion im Gerichtssaal vermuten lässt: 

„Der Verteidiger und die Staatsanwältin gingen zu einem Polizisten und sprachen mit ihm. Die Staatsanwältin sagt, der Angeklagte hätte das nur dem Verteidiger zu verdanken. Da hatte der Jurastudent Glück gehabt. Mir kamen die Fragen auf: Hätte der Angeklagte einen anderen Verteidiger, wäre es heute anders verlaufen? Lag es daran, dass der Verteidiger und die Richterin sich eigentlich gut verstehen? War das jetzt fair? Der Verteidiger geht auf den Polizisten ein und sagt er versteht vollkommen, dass er unzufrieden ist. Auch hier fragte ich mich: Müsste er sich nicht mit dem Angeklagten sympathisieren? Der Verteidiger sagte, mit diesem Verhalten hält er nicht lange als Anwalt durch, er würde überall anecken.“ (3.Protokoll, S.3, Z. 78-85)

Die Staatsanwältin sagte dem enttäuschten Polizisten, dass der Angeklagte an diesem Tag nur Glück gehabt hätte. An diesem Tag waren die Richterin und der Verteidiger aus dem ersten Protokoll anwesend. Sie haben ein gutes Verhältnis. Es macht den Eindruck, dass das Verhältnis zwischen den Akteur*innen im Gerichtssaal eine Rolle bei der Entscheidung spielt. Auch hier fühlen sich die beteiligten Personen nicht fremd. Sie kennen einander. Inwiefern hier Milieu bzw. Bildung eine zentrale Größe bei der Verhandlung sind, bleibt zu untersuchen. 

Die vierte Dimension –  Erfahrungswissen: Fremd sind die, die noch kein Erfahrungswissen mit dem Gericht haben 

Fremdheit entsteht dann, wenn etwas nicht der Norm entspricht und als “Anders” erkannt wird. Aus der Perspektive der Justiz sind Angeklagte dem Gericht fremd, da sie nicht das Gesetz vertreten. An dieser Stelle wird Fremdheit konstruiert. Nicht nur in der Ausdrucksweise der Vertretenden des Gesetzes, sondern auch bei Fragen, die den Angeklagten verunsichern sollen, um dem Gericht Gerechtigkeit zu gewähren. Interessanterweise fühlten sich die Angeklagten in unseren Beobachtungen im Gericht nicht immer fremd. Zu einem Fall beispielhaft im Protokoll: 

„Zu Beginn geht er auf das Auto ein, welches nicht in seinem Besitz ist, sondern ihm von seiner Mutter geschenkt worden sei. Er erklärt dem Gericht, dass es einen Unterschied zwischen Haltung und Besitz gibt und dementsprechend das Auto nicht einbehalten werden darf. Anhand dessen übermittelt der Angeklagte eine gewisse Sicherheit und es scheint, als wäre er dem Gericht nicht fremd.“ (4. Protokoll, S. 2, Z. 67-70)

Der Angeklagte besetzt die Position des Experten und scheint sich souverän und sicher zu fühlen und nicht fremd. Haben die Angeklagt*innen bereits häufig Erfahungen mit dem Gericht gemacht, scheinen Sie an Soveränität in dem Interaktionsarrangement zwischen Richter*innen und Angeklagt*innen zu gewinnen. 

„Die Haltung des Angeklagten ist sehr lässig und er schaut öfter aus dem Fenster. Als würde es ihn nicht kümmern, vermeidet er jeglichen Blickkontakt mit dem Richter.“ (4. Protokoll, S.3, Z. 37-38)

Der Angeklagte scheint durch das Gericht bzw. die Richter*innen nicht eingeschüchtert zu sein, wie an seiner Haltung ablesbar ist. Durch die Verhandlung, an der wir teilnehmen konnten, kamen wir zu der Erkenntnis, dass Personen, die des Öfteren angeklagt sind, kein Fremdheitsgefühl besitzen und sich nicht nur mit der Prozedur des Gerichts auskennen, sondern durch zahlreiches Erscheinen vor Gericht, das Gesetz und was dieses beinhaltet perfektionierten. 

Die fünfte Dimension – Architektur des Gerichtsaals: Fremd sind die, die nicht erhöht im Gerichtssaal sitzencourtroom 898931 640

„Der Saal vermittelt ein eher hieratisches Gefühl. Das Podest an dem die Richter, Schöffen und der Protokollant ihren Platz nehmen, ist höher und strahlt eine gewisse Dominanz aus. Etwas niedriger auf der linken Seite – die Staatsanwältin, ein Jugendarbeiter und eine Vertreterin der Gerichtsmedizin. Rechts befinden sich Verteidiger und Angeklagter.“ (3. Protokoll, S.1, Z. 3-8)

Die letzte Dimension beinhaltet den Aufbau des Gerichtssaals. Die Anordnung der Tische und die Erhöhung des Richter*innen-Tisches kann bei Angeklagt*innen aber auch für andere Personen die den Sitzungssaal besuchen, eine Fremdheit erwecken. Auch kann die Erhöhung als eine ArtSicht der Ferne" betrachtet werden. Der Eindruck der Distanz taucht auch hier auf, welche wiederum eine Fremdheit konstruieren kann. Dennoch erwartet man eine förmliche Distanz zwischen den beteiligten Parteien im Gerichtssaal, um ein unvoreingenommenes Urteil zu erwarten.

 

Bildquelle: Bild von David Mark auf Pixabay