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Was lesen wir Forscherinnen aus den Daten heraus? 

Mit Blick auf die Daten, die durch das ethnografische Interview nach Spradley  (2016) mit Frauen mit Fluchterfahrung erhoben wurden, zeigte sich ausgehend von dem doing strangeness-Ansatz quer zu den Ergebnissen (im Anschluss an das doing strangeness zeigten sich via Sprache ‚Wir und die Anderen‘ mit Rekurs auf eigensinnige kulturelle Handlungsroutinen, Diskriminierungserfahrung und via Unvertrautheit) zwei zentrale übergeordnete Befunde, die hier in den Fokus gerückt werden sollen:

Zum ersten Ergebnis: Die Frauen haben Räume aufgesucht, in denen sie sich dem möglichen Fremdheitserleben entziehen können. Räume, die ihnen vertraut sind und in denen sie sicher sind. Sicherheitsbehaftete Räume sind wesentliche Bestandteile ihres Alltags. Wir begleiteten die Frauen beim Arbeiten, Einkaufen und auf dem Weihnachtsmarkt. Orte, an denen sie ihrem Beruf nachgehen, ihren Alltag leben und ihre Freizeit genießen können. All diese Orte sind eingerahmt durch den Aspekt der Sicherheit und der Entziehung möglicher Fremdheitszuschreibungen. Es lässt sich zeigen, dass aus Sicht der Frauen am meisten Sicherheit über das gemeinsame Geschlecht „Frausein“ gegeben wird und sie aktiv Orte in ihren Alltag integrieren, die das bieten. Das zeigt sich zum Beispiel in dieser Sequenz im ethnografischen Protokoll als es um den Feldzugang ging: „Dass eine zweite Person bei der Forschung dabei sein sollte, verunsicherte die Frauen und sie fragten mich über diese Person aus. Ich wurde gefragt, ob sie auch eine Frau ist.“ Die Frauen scheinen sich vergewissern zu wollen, dass sie sich auch in Gegenwart der zweiten Person sicher fühlen werden. Sie versuchen durch vorheriges Abklären der Situation ein Risiko der Situation der Gefährdung oder eines Unwohlseins zu verhindern und möglichen, unangenehmen Gegebenheiten vorzubeugen. Dabei war das Geschlecht, wie sich über das gesamte Material zeigte, besonders relevant, um dazuzugehören und nicht fremd zu sein bzw. sie nicht fremd werden zu lassen. 

Zum zweiten Ergebnis: Die Sicherheit der Frauen-Räume bzw. des ‚unter Fraueseins‘ bieten den Frauen nicht nur die Möglichkeit geschützt zu sein und sich nicht als fremd zu erleben, sondern es ist ein Raum, in dem sich die Frauen gegenseitig unterstützen und empowern. Im Nähkurs und auf dem Weihnachtsmarkt war zu beobachten, dass die Frauen sich häufig gegenseitig Komplimente machten und sehr freundlich zueinander waren. Im Nähkurs folgende eine Szene, die in anderer Form immer wieder auftaucht: 

„Eine der Frauen probierte ein halb fertiges Kleid an. Zwei Frauen standen direkt neben ihr und zupften an ein paar Stellen des Kleides herum. Drei weitere Frauen, die am Tisch saßen, schauten dabei zu und machten ihr Komplimente.“ (Z. 190-194)

Das Anprobieren der genähten Kleidung ist damit eine Handlung, an der alle Frauen  teilnehmen. Die Frauen ziehen sich dafür nicht zurück, sondern präsentieren ganz offen, was sie geschaffen haben. Für ihre Leistung werden sie von den anderen Frauen gelobt und die Arbeit wird wertgeschätzt. In Bezug auf die Herstellung von Fremdheit ist hier der gleiche Mechanismus zu erkennen, wie bei dem Aspekt des persönlichen Einbeziehens (hier nicht weiter thematisiert). Die Komplimente bilden eine Brücke zwischen den Frauen, die sie verbindet. Sie geben sich gegenseitig Anerkennung und Zuspruch, indem sie sich wertschätzen und stärken. Es drängt sich die Lesart auf, dass es hier nicht primär um das Nähen geht, sondern um den Raum der Anerkennung und Partizipation, der ihnen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Positionierung und ihres zugeschriebenen Status der Fremden, in anderen sozialen Bereichen verwehrt wird. Der Status des Fremden bezieht sich nicht nur auf individuelle Adressierungen, sondern auch und insbesondere auf strukturelle Momente, wie z. B. finanzielle Ressourcen und Staatsbürger*innenrechte, die bestimmen inwiefern sie gleichberechtigt am Alltag teilhaben dürfen/können.  

Schlussfolgernd lässt sich sagen, dass das Bilden und Aufsuchen von Räumen, die Sicherheit und Vertrautheit spenden, den Frauen die Gelegenheit bietet, sich auszutauschen, sich zu empowern, sich zu unterstützen und ein Miteinander zu schaffen, das sie bestärkt. Diese Räume sind unabdingbar damit die Frauen mit Fluchterfahrung die Möglichkeit haben, an der Existenzgestaltung der Gesellschaft teilzunehmen.