Lehrforschung "Fremdsein & Fremdwerden heute.
Ein ethnografischer Streifzug durch die Stadt"

Fremdsein & Fremdwerden heute. Ein ethnografischer Streifzug durch die Stadt

 

Präsentation der Lehrforschungsergebnisse 

"doing becoming and doing being stranger/strangeness" SoSe 2019 - WiSe 2019/20 // Institut für Soziologie //
AB Qualitative Methoden und Mikrosoziologie


 

Ergebnisse

Polizei FalcoMasiAusgehend von der Frage, welche Bedeutung Fremdheit in der Polizeiarbeit spielt, konnte basierend auf einem ethnografischen Doing-Strangeness-Zugang am Schnittpunkt anderer doings gezeigt werden, dass entlang unterschiedlicher (Differenz-)Dimensionen, die zur sozialen Ungleichheit führen können, Fremdheit im Alltagshandeln der Polizeiarbeit hergestellt wird. Fremdheit wird durch den bewussten Geschlechterpluralismus (doing-gender), das Ausüben von eingeprägten Routinen (doing-routines), bewusster Differenzierung zwischen Generationen (doing-age) und Rassismus (doing-racism) konstruiert.

Durch Geschlecht zum Fremden gemacht – doing gender while doing police

„Die Frauen weinen oft [...]. Die Männer sind alle aggressiv.“ (Polizistin)

Weiblichen Zivilistinnen, aber insbesondere auch Polizistinnen wird zugeschrieben eher schwach und emotional zu sein, während männlichen Zivilisten und Polizisten Stärke und Rationalität attestiert wird. Fremdheit wird hier via der Zuschreibung von weiblichen und männlichen Geschlechtscharakteren hergestellt. Männer und Frauen werden hier als gegenseitig fremd entworfen. Das explizite Betonen der angenommenen Geschlechterzugehörigkeit entfremdet die betroffenen Personen und schreibt ihnen bestimmte Eigenschaften zu. Dadurch werden mit Blick auf die gesamten Beobachtungsprotokolle Akteur*innen im Feld auch degradiert und andere Geschlechterzugehörigkeiten zu etwas Befremdlichen.  

Durch Routinen zum Fremden gemacht – doing routines while doing police 

„Die Frau notiert zu den bereits aufgeschriebenen Personalien die Uhrzeit, zu der der Mann eingetroffen ist, zu wem er geht und was sein Anliegen ist.“ (Beobachtung in der Wache) 

Der Aufnahmeprozess von Zivilist*innen auf der Wache verlief wiederkehrend in dieser Form. Obwohl sich das Anliegen der eintreffenden Person (z. B. Fahrradunfall, körperliche Auseinandersetzung und Internetbetrug) und auch die psychische und physische Befindlichkeit durch verschiedene Arten charakterisieren lässt, schien das Festhalten der Personalien vorerst wichtiger zu sein, als das bereits bekundete Anliegen. Erst nach dem förmlichen Ausfüllen der Unterlagen wurden diese dann noch mit den Informationen des eigentlichen Tatbestandes ergänzt. 

So war der Umgang zwischen Polizist*innen und Zivilist*innen stets durch das Abspielen von Routinen geprägt, besonders von Seiten der Polizei. Abläufe avancieren im Berufsalltag zu Gewohnheiten und werden als Zustand der Normalität angenommen. Zum Teil ist dies für Zivilist*innen befremdlich, wodurch ein Gefühl von ‚Anderssein‘ konstruiert wird. Befremdlich steht – so eine Lesart - für eine gewisse Irritation, da die Zivilist*innen vergegenständlicht bzw. zu einer „Aktenperson“ bzw. „Verwaltungsperson“ werden. So scheinen die Zivilist*innen, die sich an die Polizist*innen wenden, häufig hinter der Bürokratie zu verschwinden. Beobachtbar waren z. B. emotional aufgewühlte Personen, die von der Polizei nach Daten und Fakten zur Tat, dem Tathergang und dem Tatkontext befragt wurden, statt – wie es in einem anderen Setting durchaus möglich wäre – sie emotional aufzufangen.  

Durchs Alter zum Fremden gemacht – doing age while doing police 

„Ja, ja, die Jungen wollen immer noch die Welt verändern“ (Polizistin)

„In der Ausbildung will man die Welt noch verändern und die Polizei revolutionieren.“ (Polizistin) 

„Vor allem Praktikanten sind davon [Polizeiarbeit besser machen] ganz stark betroffen. Sie kommen mit ihrer linken Einstellung zur Polizei, wollen alles anders. Besser machen. Haben die Vorstellung davon etwas zu verändern. Ich habe viel mit Praktikanten zu tun und alle sind am Ende ganz anderer Meinung.“ (Polizistin) 

Besonders auffällig innerhalb der Polizeiarbeit zeigt sich das doing-age. Ältere Beamt*innen schreiben ihren jüngeren Kolleg*innen weniger Erfahrungen und Fertigkeiten zu und werden in ihrem Können nicht selten abgewertet.   

Durch Ethnie zum Fremden gemacht – doing ethnicity while doing polic

„Im Verhältnis zu anderen Einsätzen eskalieren diese doch recht häufig... Die Frauen weinen oft, versuchen uns deutlich zu machen was das Problem ist, meistens können wir sie aber aufgrund von Sprachprobleme nicht verstehen. Die Männer sind alle aggressiv.“ (Polizistin)

Durch Verweis auf „ethnische Merkmale“ (besonders in einem negativen Kontext) werden Personen als Fremde hergestellt. Dies geschieht über die Zuschreibung verschiedener Eigenschaften, die zu- und anderen abgesprochen werden. Passant*innen mit Migrationshintergrund werden von der eigenen „Kultur“ – zu diskutieren ist, was das ist – als anders etikettiert und dabei häufig als bedrohlich inszeniert. Bei der Fremdheitskonstruktion ist beobachtbar, dass es zu Homogenisierungsstrategien kommt. Von einer Person wird auf die „fremde Gesellschaft“ geschlossen. 

Sowohl auf Seiten der Zivilist*innen als auch auf der Seite von Polizist*innen konnte deutlich rekonstruiert werden, dass Fremdheit über die Dimension Ethnizität konstruiert wurde, um damit Akteur*innen negativ zu codieren bzw. dabei z. B. als potentiell bedrohlich zu markieren.  

 

Zurück zum ursprünglichen Gedanken: Um an die Überlegung anzuknüpfen, ob die Polizei vom ‚Freund und Helfer‘ zum Fremden im eigenen Revier wird. Eine genauere Auseinandersetzung mit dem Material hat gezeigt, dass die Frage hier nicht beantwortet werden kann, da die Daten keinen Zeitvergleich zulassen. Sie informieren nicht darüber, ob die Polizei einst als Freund und nun als Feind gesehen wird. Auch erlaubt eine qualitative ethnografische Analyse eine solche Aussage nicht, da sie zwar über Handlungs- und Deutungsmuster informiert, aber keine Angaben über die Häufigkeitsverteilung liefert. Was die Untersuchung aber zeigt – und damit ist sie nicht nur soziologisch, sondern auch gesellschafspolitisch relevant – ist, dass Fremdheit auf unterschiedlichsten Ebenen (zwischen den Akteur*innen auf der Straße und der Polizist*innen als auch unter den Polizist*innen) und entlang unterschiedlichster (Ungleichheits-)Dimensionen (ethnicity, age, routines..) gemacht wird und zum Ausschluss, Verwerfung oder gar zur Diskriminierung führt. Dabei zeigt sie auch, wie bestimmte Stereotype durchaus wirkungsmächtig sind und sich in der Polizeiarbeit materialisieren, was durchaus folgenreich für all diejenigen ist, die mit der Polizei interagieren. Denn wenn zwei das Gleiche tun, wird es offenbar unterschiedlich bewertet. Weitere Studien zur empirischen Polizeiarbeit wären im Anschluss wünschenswert. 

 

Bildquelle: Foto von Falco Masi auf Unsplash

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